Donnerstag, 3. Januar 2013

Filmkritik zu Ludwig II in der PZ

 Diesen tollen Artikel konnte man heute in der Pforzheimer Zeitung lesen (klick)



München/Pforzheim. Warum der neue Kinofilm über das Leben und Leiden König Ludwigs II. von Bayern eine Enttäuschung und dazu teilweise auch noch eine Unverschämtheit ist.
Kurz vor Ende des neuen Films über König Ludwig II. verdichtet sich in einer Szene das ganze Unheil der vorangegangenen zwei Stunden. Der bayrische Monarch Ludwig (1845 bis 1886) - entmachtet, für verrückt und gar gefährlich für sein Land und sein Volk erklärt - soll auf Schloss Neuschwanstein verhaftet und unter irrenärztliche Betreuung gestellt werden. Nun ist es der bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts vorhandenen deutschen Gründlichkeit zu verdanken, wie gut diese Szene damals dokumentiert und in der Folgezeit in mehreren Fachbüchern und Biografien veröffentlicht worden ist. Es kann also jedermann nachlesen, wie ruhig der König war, als man ihn abholen kam, wie gefasst er wirkte und wie klar er sich über die Folgen seines wohl irreparablen Machtverlusts bereits in jenen schicksalshaften Minuten gewesen ist.
Allein, in dem seit rund einer Woche in den Kinos in ganz Deutschland und auch in Pforzheim laufenden Film „Ludwig II.“ von Peter Sehr und Marie Noëlle ist davon nichts zu spüren oder gar zu sehen. Hier tobt der König, schreit, hadert und versucht sogar, mit Gewalt seinen Häschern zu entfliehen.
Es ist diese Szene, die all jene Versäumnisse zusammenfasst, die bei der Herstellung dieses mehr als 16 Millionen Euro teuren Machwerks unterlaufen sind. Über die gesamte Spieldauer des Films reiht sich eine historische Ungenauigkeit an die nächste, wird jede noch so unbeweisbare Vermutung bildgewaltig so dargestellt, als sei es damals tatsächlich so gewesen, und wird mit einer derart unverfrorenen Lust am Leidvollen ein Bild eines Monarchen gezeichnet, das ihm nach allem, was die Wissenschaft inzwischen herausgefunden hat, schlichtweg nicht gerecht wird.
Wie schludrig und historisch inkorrekt gearbeitet wurde, zeigt sich jedoch nicht nur an der von Sabin Tambrea und Sebastian Schipper (als gealteter Ludwig) dargestellten Hauptperson, der die Filmemacher ohne den Hauch jeglicher Sympathie begegnen, sondern auch an nahezu allen anderen handelnden Figuren. Kaiserin Sissi (eine Cousine Ludwigs) etwa, wird als schemenhafter Abklatsch der wirklichen Elisabeth dargestellt, die obendrein derart oft herumschreien und Türen zuknallen darf, dass man sich zeitweise fragen muss, ob hier wirklich mit dem Anspruch gearbeitet worden ist, einen geschichtlich auch nur ansatzweise realistischen Film zu drehen. Richard Wagner (gespielt von Edgar Selge) hüpft durch das Bild wie Rumpelstilzchen auf Ecstasy, sorgt aber immerhin für den einen oder anderen erfreulichen Moment, da Darsteller Selge als einziger im Ensemble einigermaßen Normalform erreicht und zumindest versucht, Wagner ein wenig Profil zu verleihen. Für die Unzulänglichkeiten des Drehbuchs (ebenfalls verfasst vom Ehepaar Sehr/Noëlle) kann der Mime schließlich nichts.
Was bleibt also von einem Film, der unter anderem damit beworben wird, neue Erkenntnisse über das Leben des bekanntesten bayerischen Königs aller Zeiten zu bieten? Die Hoffnung, dass das mehr als bescheiden gestartete Werk auch in Zukunft einem breiten Publikum verborgen bleibt. Denn anstatt neue und vor allem historisch fundierte Details zu bieten, verliert sich der Film an allen Ecken und Enden im nimmermüden Denunzieren eines Mannes, der einst als hoffnungsvoller Monarch gestartet war und den lediglich die Umstände seiner Zeit in jene Parallelwelt trieben, in der er seine letzten Lebensjahre verbrachte. Dem Freistaat Bayern schenkte Ludwig jedoch weltbekannte Kulturdenkmäler wie die Schlösser Neuschwanstein, Herrenchiemsee und Linderhof – und somit Einnahmequelle von unschätzbarem Wert.
Besonders unverschämt ist das Ende des Kinofilms: Der König, dessen Todesumstände im Starnberger See nach wie vor ungeklärt sind und um die sich zahllose Legenden ranken, stürzt sich im Film übermütig ins Wasser, dem - so suggeriert es das Treiben auf der Leinwand - ersehnten Freitod entgegen. Dann verschwimmt das Bild und die Kamera fliegt über Neuschwanstein. Und so kommt ganz am Ende dann doch noch die historische Bedeutung Ludwigs zum Vorschein; beim majestätischen Blick auf sein bekanntestes Bauwerk. Die Ironie dabei ist, dass die Filmemacher dies bestimmt nicht beabsichtigt haben.
Autor: Maximilian Lutz

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